
Ernährung
Wie dein Gehirn dich sabotiert
Eine bahnbrechende Studie zeigt: Ultra-verarbeitete Lebensmittel hijacken unser Belohnungssystem wie eine echte Drogensucht – wir essen unwillkürlich 500 Kalorien mehr pro Tag.

Ernährung
Eine bahnbrechende Studie zeigt: Ultra-verarbeitete Lebensmittel hijacken unser Belohnungssystem wie eine echte Drogensucht – wir essen unwillkürlich 500 Kalorien mehr pro Tag.
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Die vielleicht ausdrucksstärkste «Humanstudie» zum Thema «Stoffwechselentgleisung beim Menschen» kommt vom renommierten Hall Lab des Nationalen Instituts für Diabetes und Verdauungs- und Nierenkrankheiten, Bethesda (USA).
Veröffentlicht wurde sie im Jahr 2019 im gleichermaßen renommierten Fachmagazin Cell Metabolism. Die Arbeit ist für uns so wichtig und entscheidend, dass wir in unseren Texten immer wieder auf sie aufmerksam machen.
Um herauszufinden, was eine typisch westliche, hoch prozessierte Nahrung mit Menschen macht, sperrten die Forscher Kevin Hall und sein Team 20 Personen auf einer Station einer medizinischen Einrichtung ein.
Diese durften dann für je zwei Wochen entweder hoch- oder minimal-prozessiert essen. Im ersten Fall also z. B. Würstchen mit Toastbrot. Im zweiten Fall war das unter anderem ein Salat mit Pouletbrust und Früchten.
Klug wie sie waren, gleichwohl maximal schwer in der Umsetzung, wurden die Mahlzeiten beider Ernährungsformen auf Kalorien, Energiedichte, Makronährstoffe, Zucker, Salz und Ballaststoffe abgestimmt. Diese Faktoren wollte man also bewusst ausklammern.
Das extreme Resultat liess sich dadurch jedoch nicht vermeiden: Die 20 Probanden assen unter der hochprozessierten Nahrung rund 500 Kalorien pro Tag mehr. Einfach so. Ganz offensichtlich also entgleiste das System der Nährstoffsensorik unter der hoch verarbeiteten Kost.
Später in einem Vortrag versuchte Hall Erklärungsansätze für diese gravierenden Folgen zu finden – wie es Ernährungswissenschaftler typischerweise tun, wenn sie mit der Vielzahl an Stoffwechselentgleisungen in unserer Gesellschaft konfrontiert werden.
Ein wichtiger Faktor wird in einer «aktuellen Studie» ausführlich beschrieben, die im «The BMJ» (British Medical Journal) veröffentlicht wurde.
Die Autoren legen dort dar, dass raffinierte Lebensmittel, vorwiegend die Kombination von raffinierten Kohlenhydraten und beigesetzten Fetten – kennen wir als Pizza, Döner, Teigteilchen vom Bäcker und so weiter – nach dem Yale Food Addiction Score alle DSM-5-Kriterien erfüllen, um sie als suchterzeugend einzustufen.
Neurochemisch würden sie das Belohnungssystem des Gehirns so aktivieren wie andere Suchtmittel, etwa Nikotin und Alkohol. Mit dem feinen Unterschied, dass mit Fett und Zucker angereicherte Teigteilchen und Käsebrezel für viele, viele Menschen zum Alltag gehören wie Wasser trinken. Die wissen noch nix von ihrer Sucht.
Per definitionem ist man dann «süchtig», wenn man trotz der Kenntnis über die gravierenden Folgen einen fortgesetzten Konsum bzw. ein intensiviertes Verlangen zeigt und die Kontrolle über das eigene Verhalten verliert.
Suchtmittel hebeln also auf gewisse Weise die Funktion der Kontrollzentren unseres Gehirns aus. Mit den bei chronischem Alkoholkonsum (Fettleber, Leberzirrhose etc.) und Zigarettenrauch (10–20× häufiger Lungenkrebs) bekannten Folgen.
Wer sich also immer schon gefragt hat, warum unsere Gesellschaft trotz zunehmender Aufklärung stets stoffwechselkränker wird, könnte irgendwann zur Erkenntnis gelangen, dass es möglicherweise eine echte Nahrungsmittelsucht gibt, die z. B. unsere natürliche Nährstoffsensorik aushebelt, wie in Halls Humanversuch.
Und das ist so spannend. Denn es zeigt: Wir sind blind. Wir sind blind dafür, unser Essverhalten unter hoch prozessierter Kost adäquat zu kontrollieren. Wir können es genauso wenig wie jemand, der raucht und trinkt. Nur, dass hier jedem «klar» ist, dass es eine Sucht ist.
Mehr zu diesem Thema auch in unserem aktuellen Blog-Beitrag und in unserem neuen YouTube-Video.
PS: Vorsicht vor Affektantworten («Aber...!!!») – diese emotionale Wallung könnte nämlich genau das bestätigen, was hier im Text beschrieben steht.
PSII: Ist das nicht spannend? Es hat einen guten Grund, warum Menschen selten über Hülsenfrüchte streiten, aber ganz nervös werden, wenn man ihnen Negatives über Weissmehl erzählt.