Die meisten Menschen, die sich regelmässig mit News aus dem Bereich Gesundheit befassen, kommen sich ein bisschen vor wie bei Tom und Jerry.
Das war die US-amerikanische Zeichentrickserie, bei der der Kater Tom stets die Maus Jerry fangen will – was zumeist nicht gelingt. Denn wann immer Tom glaubt, es sei endlich so weit, verschwindet die Maus Jerry irgendwo in der Wand und taucht woanders wieder auf.
Auch wir sind oft der Kater Tom: Wir glauben, etwas begriffen zu haben, um dann kurze Zeit später einsehen zu müssen, dass wir das Thema vielleicht doch nicht vollumfänglich durchdrungen haben.
Die gute Nachricht: Das ist ganz normal. Das geht selbst Menschen so, die sich jahrelang mit der Thematik befassen. Der Dunning-Kruger-Effekt bringt diese Zusammenhänge visualisiert ganz gut zum Ausdruck.
Mit dem Resultat: Je mehr man weiss, umso demütiger wird man, im Sinne eines tiefen Verständnisses dafür, dass die meisten biologischen bzw. gesundheitlichen Themen enorm komplex sind und wir uns vielleicht irren können.
Der «einzigartige genetische Fingerabdruck»
Nicht immer ist unsere Fehleinschätzung Zeichen von Inkompetenz. Denn obwohl wir natürlich mit zunehmendem Wissen immer bessere Entscheidungen und Einschätzungen treffen können, sorgt der Faktor Individualität dafür, dass das, was für uns richtig ist, für den Nachbar gar nicht stimmen muss.
Das haben Forscher der Uni Sydney soeben einmal mehr realisieren müssen. Die wollten nämlich endlich die Interaktion zwischen Ernährung und Genetik bei der Pathogenese des Typ-2-Diabetes verstehen. Warum macht der Muskel dicht und wird insulinresistent?
Dafür fütterten sie fünf verschiedene Mäusestämme mit einer herkömmlichen und einer identischen fett- bzw. zuckerreichen Ernährung, die bekanntermassen insulinresistent und fettleibig und deshalb langfristig Typ-2-Diabetes – auch in Mäusen – macht.
Extrem aufwändig haben die Wissenschaftler untersucht, welche Proteine – Tausende!! – aktiviert und deaktiviert werden. Mit dem Resultat: «Insgesamt zeigte jeder einzelne genetische Hintergrund der jeweiligen Mäusestämme einen einzigartigen Fingerabdruck der Insulinsignalisierung.»
Viele Veränderungen innerhalb des Muskels waren also abhängig von der Genetik. Mehr noch: Tatsächlich «änderten sich Proteinaktivitäten zwischen verschiedenen Stämmen sogar in die entgegengesetzte Richtung...».
Das Bigger Picture
Also: Das, was dich gesund macht, muss nicht zwangsläufig der richtige Weg für deinen Nachbar oder deine Freundin sein. Diese Forschung zeigt sogar, dass das, was uns gesund macht, andere krank machen könnte.
Wie entkommen wir diesem Irrgarten? Eine Möglichkeit ist, immer wieder rauszuzoomen und das Bigger Picture nicht aus den Augen zu verlieren. So fühlen wir uns dann vielleicht nicht mehr wie Tom.
In Sachen Ernährung und Lebensstil ist das relativ «einfach»: Wir sollten schauen, wie der Mensch die letzten 2–3 Mio. Jahre gelebt hat, um sein ureigenes Wesen verstehen zu können.
Das ist glücklicherweise sehr gut erforscht. Auch, weil es den Mensch noch in seinem natürlichen Habitat gibt. Das wären noch heute lebende Jäger-und-Sammler-Populationen, z. B. die Hadza oder Aborigines.
Ableiten könnten wir beim Thema Insulinwirkung beispielsweise:
- Viel Bewegung
- Wenig raffinierte Kohlenhydrate
- Hochwertiges Protein
- Mehr minimalprozessierte Lebensmittel
Nur, um ein paar Faktoren genannt zu haben, die sich in Sachen Ernährung und Lebensstil ganz gewiss zwischen uns modernen und noch archaisch lebenden Menschen unterscheiden.
Den Überblick behalten – mit unserer neuen Mailserie
Die gute Nachricht ist also: Oft ist es besser, wir behalten so den Überblick. Denn wir neigen generell dazu, uns in Detailfragen zu verrennen und uns auf dieser Basis dann unsere ganz eigene Wahrheit zu erfinden.
Aus diesem Grund ist Ernährungswissenschaft nicht nur auf individueller Basis ganz häufig eine Glaubensfrage. Auch in gesellschaftlichen Debatten sehen wir ja, dass es quasi nie um das Bigger Picture («Der Mensch als Jäger und Sammler») geht.
Es geht viel zu oft ... um irgendwas. Dieses Wörtchen lässt sich durch viele Motive ersetzen. Etwa: moralische Überzeugungen. Auf Basis dieser romantischen Weltsicht bastelt man sich dann einen Kokon aus Studien, die das eigene Weltbild bestätigen und erhalten.
Es hat schon seine guten Gründe, warum einer der wichtigsten Leitsprüche in der Biologie der folgende Satz ist:
Nothing in Biology Makes Sense Except in the Light of Evolution
Man könnte sagen: Unser Leben – unsere Biologie – können wir ohne ein nötiges Hintergrundwissen über unsere eigene Entwicklungsgeschichte gar nicht verstehen. Genau deshalb werden wir nicht müde, darüber zu schreiben.