
Sport & Metabolik
Sport ist die Polypill
Sport ist die wahre Polypill – sie verbessert Insulinempfindlichkeit und Stoffwechselgesundheit kostengünstig, nebenwirkungsfrei und ganz ohne Medikamente.

Sport & Metabolik
Sport ist die wahre Polypill – sie verbessert Insulinempfindlichkeit und Stoffwechselgesundheit kostengünstig, nebenwirkungsfrei und ganz ohne Medikamente.
Line items
Stell dir mal vor, du müsstest dir über wissenschaftliche Erkenntnisse oder Erklärungsansätze zu modernen Erkrankungen keine Gedanken mehr machen. Wäre das nicht herrlich? Stell dir mal vor, du hättest eine Polypill, also ein Medikament, das ganz viele Erkrankungen anspricht – so, dass sie dich kaum noch tangieren. Was würdest du dafür geben?
Die Wissenschaft sucht händeringend danach. Wer renommierte Fachmagazine liest, weiss, dass täglich unzählige Studien erscheinen, die sich in maximaler Komplexität mit der Frage befassen, warum moderne Menschen, also westlich lebende Menschen, krank werden und was wir auf molekularer Ebene – also am besten mit einem Medikament – dagegen tun können.
Soeben ins Rampenlicht hat es «die Abnehmspritze» geschafft – dahinter stecken jahrzehntelange, maximal diffizile Forschungen, eine riesige Fülle an Forschungsgeldern und viel, viel Arbeit von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. Die eine oder andere Zeitung schreibt davon, dass für viele «ein Traum wahr» würde. Leider eher nicht, wie wir in [Quelle nicht mehr verfügbar] erklären.
Die Insulinresistenz ist eine klassische westliche, also moderne (Stoffwechsel-)Erkrankung. Wenn Insulin nicht mehr wirken kann, kommen weniger Nährstoffe – allen voran Glukose und Aminosäuren – in die Zellen. Der Energiestoffwechsel bricht zusammen. Es gibt ein Durcheinander bei der Aktivierung wichtiger Signalwege. Zellen fehlt das «Balsam» – sie sterben verfrüht.
Wir wiederum merken das daran, dass wir entzündenter sind, erhöhte Blutzuckerspiegel aufweisen, schlecht Fette verbrennen (= oft Übergewicht), kaputte Arterien bekommen und so ein erhöhtes Risiko für Herzkreislauferkrankungen, die Bauchspeicheldrüse immer schlechter funktioniert (= irgendwann Diabetes) oder herkömmliche Infektionen bzw. Corona schlecht ausheilen oder schwer krank machen.
Diese Liste lässt sich endlos fortsetzen. Jedem sollte klar sein: Insulinresistenz ist keine Spassveranstaltung. Das Gegenteil, eine gute Insulinwirkung (Insulinsensitivität), ist vielleicht der wichtigste Marker unserer Stoffwechselgesundheit. Und Stoffwechselgesundheit wird irgendwann zum Schlüssel, der langfristig über Gesundheit oder Krankheit im Allgemeinen entscheidet.
In den vergangenen zehn Jahren hat sich die jährliche Zahl an Publikationen zu diesem Thema ungefähr verdreifacht. Von Insulinresistenz sind bis zu 50 % der Erwachsenen weltweit betroffen. Da Insulinresistenz vornehmlich ein Problem des Wohlstands ist, könnte die Prävalenz in manchen westlichen Ländern als Dunkelziffer sogar höher sein.
Der «Witz»: Völlig überflüssig.
Eine Polypill gibt es bereits. Schon 2013 titelt eine Arbeit, veröffentlicht im angesehenen Fachmagazin Physiology: «Sport ist die wahre Polypill.» Dort schreibt die Autorin, Carmen Fiuza-Luces (Uni Madrid), man höre und staune:
«Das Konzept einer ‹Polypill› zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen findet zunehmend Beachtung. Ein ähnlicher, wenn nicht sogar grösserer Nutzen lässt sich jedoch mit regelmässiger körperlicher Betätigung erzielen, einer medikamentenfreien Massnahme, für die unser Genom im Laufe der Evolution geformt wurde. Im Vergleich zu Medikamenten ist Bewegung kostengünstig und relativ frei von Nebenwirkungen.»
Sind das nicht sensationelle Zeilen? In diesem Aufsatz beschreibt der Forscher, dass Sport vergleichbare oder sogar bessere Wirkungen als sämtliche Medikamente erzielt, die es so zur Behandlung oder Prävention von Herzkreislauferkrankungen gibt. Natürlich gilt dies nicht nur für Herzkreislauferkrankungen. Wir seien genetisch daran adaptiert – soll heissen: Ohne Sport, wirst du krank.
Seit vielen Jahren wird nämlich an der Fragestellung geforscht, warum Sport einen so günstigen Einfluss auf den Energiestoffwechsel und damit auf die Vorbeugung und das Umkehren einer Insulinresistenz hat. Sport nämlich macht den Muskel insulinsensitiv – Thema Insulinresistenz, vor allem in Kombination mit Gewichtsverlust, wäre damit abgehakt. Ein ganzes Forschungsfeld könnte dicht machen.
Nein, nein. So natürlich nicht. Wissenschaftler sägen ja nicht an ihrem eigenen Ast. Und deshalb gibt es ein ganz neues Forschungsfeld: Die Suche nach s. g. «Exercise Mimetics» – also Substanzen, die die Effekte von Sport nachahmen. Die Idee: Man schluckt ein Medikament, das uns fit und gesund macht. So können wir dann einfach weiter auf der Couch sitzen und nix tun. Ein eigentlich perverser Gedanke!
Denn Sport macht Spass. Vor allem in einem sozialen Umfeld. Die Fortschritte motivieren. Das Gefühl nach dem Verausgaben ist unbezahlbar. Zeitgleich ist es kostengünstig und hält gesund. Die wahre Polypill – du müsstest sie nur nutzen. In unserem [Quelle nicht mehr verfügbar] beschreiben wir Forschungsergebnisse, die einen Erklärungsansatz dafür liefern, warum Sport einen so günstigen Einfluss auf die Insulinwirkung hat.
Auch hier «zaubert» die Bewegung wieder einmal: Eine Forscherin mit dem Namen Agneta Andersson, heute leitende Forscherin im Bereich Diätetik an der Universität Uppsala (Schweden), hat uns einmalige Studien beschert, die es so bis heute nicht mehr gibt.
Sie konnte eindrücklich demonstrieren, dass Sport die Fettsäuren-Zusammensetzung unserer Muskelmembran verändert. Wir erinnern uns: Alle Zellen, auch Muskelzellen, sind von einer Membran umhüllt, die vorwiegend aus Fettsäuren bestehen, die wir essen oder selbst bilden. Das, was davon in unseren Membranen verbaut wird, bestimmt ganz wesentlich, wie gut der dort ansässige Insulinrezeptor Insulin bindet.
Je besser die Bindung, umso besser die Insulinwirkung. Agneta Andersson und ihre Kollegen konnten herausfinden, dass Sport ohne qualitative Änderung der Nahrungszusammensetzung die Muskelmembran in ihrer Zusammensetzung so beeinflusst, dass Insulin besser wirken kann. So erhöht Sport unter anderem den Gehalt an Omega-3-Fettsäuren in den Membranen.
Und das macht insulinsensitiver. Ist das nicht sensationell?
Sportler haben es also gut. Weitaus besser als der Durchschnittsmensch, der sich mit all den Sorgen um Blutzuckermedikamente und – später – Wundheilungsstörungen beim Diabetes rumschlagen muss. Das einzige, was sie unterscheidet, ist, dass sie sich zwei-, drei-, viermal pro Woche körperlich verausgaben – okay: und dass sie vielleicht noch ein bisschen auf ihre Ernährung achten ;-). Das war's aber auch schon.
Jedes Kind ist ein Sportler. Solltest du also noch kein Sportler sein: Es ist nicht schwer. Einfach machen.