
Medienkompetenz
Low carb tötet?
Eine viralgewordene Studie behauptet, dass Kohlenhydratreduktion zum frühen Tod führt. Ein Blick auf die Methodik offenbart gravierende, systematische Fehler.

Medienkompetenz
Eine viralgewordene Studie behauptet, dass Kohlenhydratreduktion zum frühen Tod führt. Ein Blick auf die Methodik offenbart gravierende, systematische Fehler.
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Medienkompetenz ist heutzutage – also im Zeitalter des Informationsüberflusses – eine entscheidende Fertigkeit. Viel zu oft gelingt es Menschen heutzutage nicht, Informationen zu selektieren und so zu filtern, dass die sinn- und gehaltvollsten Informationen erkannt werden. Dafür haben die Amerikaner einen Begriff: Infobesity.
Das Wort setzt sich aus Information und Obesity (Fettleibigkeit) zusammen – ähnlich wie beim Essen auch, gebe es Junkinformationen, die überflüssig seien und uns (psychisch) krank machen.
Zurück zu uns: Je länger man sich mit Studien befasst, umso stärker fällt die Diskrepanz zwischen hochwertigen und schlechten Studien auf. Nicht jede Studie ist gut, nur weil sie einen Peer-Review-Prozess durchlaufen hat und in irgendeinem Fachmagazin publiziert wurde. Für unsere Leser erfolgt von uns eine Vorselektion, insofern, dass wir vornehmlich Studien aus den besten Fachmagazinen der Welt referenzieren ... aber erst, wenn wir sie selbst gelesen und für gut befunden haben.
Aktuell hat es wieder so eine völlig überflüssige Studie in die (englischsprachigen) Medien geschafft. [Quelle nicht mehr verfügbar]: «Low carb diets INCREASE your risk of an early death» – kohlenhydratarme Ernährungsformen erhöhen das Risiko eines frühen Todes. Da denkt man sich direkt: Wer's glaubt, wird selig.
Jeder, der selbst mal etwas kohlenhydratreduziert gegessen hat, wird wissen, dass viele, viele Aspekte der Ernährung besser werden und sich viele Aspekte des eigenen Energiestoffwechels verbessern – z. B. Blutfette, Fettmasse –, nicht verschlechtern. Man isst mehr Eiweisse, oft mehr Obst und Gemüse, man isst wesentlich mikronährstoffreicher und so weiter.
Leider haben nicht wenige nach wie vor das Bild vor Augen, dass eine Low-carb-Ernährung nur aus Bacon, Eiern und Käse besteht. Aus diesem Grund nutzen wir den Begriff Low carb seit vielen Jahren nicht mehr, um die typischen edubily-Ernährungsempfehlungen zu beschreiben – obwohl man hier im Vergleich zur herkömmlichen Ernährung sicher auch weniger Kohlenhydrate isst.
Offenbar gibt es noch immer Wissenschaftler, die sich eine Low-carb-Ernährung genau so vorstellen – und dann unbedingt beweisen wollen, wie schlecht sie ist. Das geht z. B., indem man einfach Kriterien wählt, die man selbst mit einer ungesunden Ernährung assoziiert. Denn wie im echten Leben gilt auch in der Wissenschaft: Je öfter man etwas wiederholt, umso wahrer wird es.
Chinesische und US-amerikanische Forscher berichten ([Quelle nicht mehr verfügbar]), dass eine «ungesunde Low-carb-Ernährung», aber auch eine Low-carb-Ernährung allgemein, bei älteren Erwachsenen bzw. alten Menschen ungünstiger auf die Sterblichkeit wirkt als eine Low-fat-Ernährung – sie hingegen schütze den Erkenntnissen zufolge vor Krebs und Herzinfarkt und senke die Gesamtsterblichkeit.
Wer den Methodenteil der Arbeit liest, schüttelt mit dem Kopf:
All das schmeißen Forscher in einen Topf, rühren ein bisschen und fertig ist das Gebräu.
Es fällt auf: In dieser langen Reihe der Überlegung und Datensammlung, finden sich unzählige Unschärfen und Ungenauigkeiten, sodass man die Ergebnisse auch hätte würfeln können.
Am Ende des Tages schreiben die Autoren selbst, dass eine wichtige Limitation der Arbeit u. a. die Tatsache sei, dass man die Probanden in der 24-Jahren-Spanne lediglich einmal nach ihrer Ernährung befragt habe. Es sei möglich, dass sich Ernährungsgewohnheiten in 24 Jahren auch mal ändern – na sowas.
Als ich (Chris) vor etwa zehn Jahren als Sportstudent in der «Brotdose» statt Brot mein Lammfilet mitgebracht habe, wurde man schief angeguckt. «Low carb» war damals so etwas wie eine Alien-Ernährung. Aber 1995/96 soll die Hälfte der hier Befragten – wohlgemerkt: zwischen 50 und 70 Jahre alt – einer Low-carb-Gruppe zugeordnet werden können? Da lachen ja die Hühner :-)
Eine weitere Studie für die virtuelle Mülltonne. Leider stürzen sich viele Journalisten auf solche Studien nur zu gerne, weil sie Schlagzeilen generieren. Die haben leider, leider eine sehr lange Halbwertszeit im Internet und formen so nachhaltig Meinungen einer Gesellschaft. Genau deshalb bleiben viele Menschen halt weiterhin lieber bei Brot und Co. ;-)