Teil 2: Sind Tierprodukte schädlich?
In unserem letzten Blog-Post, [Quelle nicht mehr verfügbar], der eigentlich als Newsletter erscheinen sollte, legten wir dar, warum es naheliegt, dass der Mensch Tierprodukte braucht, um überhaupt vollumfänglich gesund sein zu können – Hintergrund ist auch, dass der Mensch sehr wahrscheinlich nur deshalb Mensch geworden ist, weil unsere Vorfahren vor 3,5 Mio. Jahren dazu übergingen, vermehrt tierische Produkte zu konsumieren.
Sollte dich diese Aussage triggern, dann lies bitte erst mal den Beitrag.
Heute wollen wir mal etwas ausführlicher darlegen, warum es auch ein Zuviel des Guten gibt und warum der Konsum von Tierprodukten im Zusammenhang mit Erkrankungen zu stehen scheint. Exemplarisch gehen wir dabei auf das Ziel vieler Ernährungsbemühungen ein, nämlich die Wiederherstellung der Stoffwechselgesundheit.
Warum gibt es Diabetes?
Um das zu verstehen, müssen wir zunächst mal wieder einen Blick auf unsere Evolution werfen. Die Frage, warum der Mensch überhaupt einen Diabetes entwickelt, beschäftigt viele Forscher. Diabetes – wohlgemerkt: Typ-2-Diabetes, also Wohlstandsdiabetes – gibt es bei natürlich lebenden Menschen in der Wildbahn nicht.
Seit vielen Jahren wird daher diskutiert, dass die Anfälligkeit gegenüber solchen Stoffwechselentgleisungen, und Typ-2-Diabetes ist sozusagen die Endstufe davon, ein maladaptives Überbleibsel unserer Jäger-und-Sammler-Vergangenheit ist [Quelle nicht mehr verfügbar]. Denn man muss sich vorstellen:
- Energieflut gab es in der Wildbahn nicht.
- Zucker in Reinform gab es nicht.
- Kohlenhydrate und Stärke im Allgemeinen gab es in den Mengen, in denen wir es dank Bäcker und Co. konsumieren, auch nicht.
Entsprechend finden sich auch in uns noch alte Genvarianten, die beispielsweise die Zuckeraufnahme in den Muskel drosseln [Quelle nicht mehr verfügbar]. Das diente als Überlebensstrategie in einer Welt, wo es eben keinen Zuckerbaum und keine Brötchen gab. Hinzu kommt, dass die Evolution sehr sicher auch dahingehend selektiert hat, dass der Mensch relativ viel Glukose in der Leber selbst bilden kann – eine Gluconeogenese (= Zuckerneubildung), die Gas gibt, kann man in einer Welt, in der es keinen Bäcker und keine Cola gibt, gut gebrauchen.
Unsere Jäger-und-Sammler-Gene sind schuld
Tatsächlich wird dies den meisten von uns zum Verhängnis. Ein Muskel, der evolutiv bedingt darauf getrimmt ist, nicht allzu viel Zucker aufzunehmen und eine Leber, die konstant viel Zucker in den Blutkreislauf pumpt, gepaart mit der Energieflut, die wir heute mit unserem modernen Essen haben, überfordern den Energiestoffwechsel. All jene Punkte – schlechte Zuckeraufnahme in den Muskel (Insulinresistenz), eine gesteigerte Gluconeogenese in der Leber, zu viel Fett auf den Hüften (Lipotoxizität) – sind sogenannte Hallmarks, also Eckpfeiler moderner Stoffwechselentgleisungen bis hin zum Diabetes.
Übrigens ist das keine Seltenheit in der Natur. Katzen können als Hyperkarnivoren unter domestizierten Bedingungen auch Diabetiker werden. Diese Tiere haben nämlich zuckerhungrige Sprintermuskeln – leider fressen Hyperkarnivoren nur Fleisch, weswegen diese ganze Glukose für die Muskeln in der Leber über die Zuckerneubildung aus Protein gebildet werden muss. Die Leber dieser Tiere produziert unablässig selbst Zucker aus Protein – gibt man diesen Tieren dann obendrauf Kohlenhydrate zu essen, gibt's den metabolischen Supergau [Quelle nicht mehr verfügbar].
Bei uns Menschen ist das Ganze nicht derart ausgeprägt, eben weil wir keine Karnivoren sind. Allerdings gilt, dass grössere Mengen an Tierprodukten im Allgemeinen nur im Kontext einer solchen «Ur-Ernährung» funktionieren, also in einer Ernährung, wo es keine allzu grosse glykämische Last in Form von grossen Mengen Zucker und Kohlenhydraten gibt. Kombiniert man das Rind allerdings mit dem Brötchen, isst man dazu noch eine Pommes und spült es mit einer Cola runter, kann es im Kontext einer sowieso energieüberladenen Ernährung übel werden.
Das Veganismus-Prinzip
Um zu verstehen, warum die moderne Kombination an Nahrungsmitteln krankmacht, wollen wir mal nach Kalifornien blicken, zum Institute of Longevity of the School of Gerontology an der University of Southern California in Los Angeles, wo der mittlerweile bekannte Langlebigkeitsforscher Valter Longo Direktor ist. Der will etwas rausgefunden haben: Fasten, das ja bekanntlich gesund und alt macht, lässt sich dadurch mimen, dass man quasi rein pflanzlich isst. Denn das, so Longo, würde Langlebigkeitsgene in uns aktivieren, die man eigentlich nur durchs Fasten oder die Kalorienrestriktion aktiv bekommt. [Quelle nicht mehr verfügbar]
Hier steckt was Entscheidendes drin: Wir, die modernen, energieüberfrachteten und damit stoffwechselkranken Menschen, werden natürlich dadurch stoffwechselgesund, dass wir diese Gene wieder aktiv bekommen – durch Gewichtsverlust, also durch Kalorienrestriktion, Fasten oder … pflanzenbasierte Ernährungsformen.
Um die therapeutischen Effekte einer pflanzenbasierten Ernährung zu verstehen, muss man also verstehen, dass sie wirken wie fasten. Man lässt den Körper also «hungern» ohne zu hungern. So kann ein Mensch wieder stoffwechselgesund und entsprechend alt werden. Damit sich der Kreis an dieser Stelle allerdings ordentlich schliesst, müssen wir noch verstehen, warum der Entzug von Tierprodukten im modernen Kontext zu solchen netten Erscheinungen führt.
Wir brauchen ein niedriges Insulin
Die Quintessenz der Gesundheit, also quasi der Schlüssel zu Langlebigkeit, Gesundheit und Stoffwechselgesundheit, ist ein niedriges Insulin. Wenn uns gelingt, das Insulin niedrig zu halten, haben wir einen entscheidenden Schlüssel für uns entdeckt. Dies scheint über zwei Wege zu gelingen:
- Entweder wir leben wie unsere Vorfahren und verzehren Tierprodukte ohne eine grosse glykämische Last, sprich nur ergänzt mit Obst und Gemüse …
- oder wir entziehen unserem Speiseplan Tierprodukte und können dann auch viele Kohlenhydrate essen.
Unter diesen Bedingungen gelingt es dem Körper jeweils, seine Stoffwechselgesundheit zu wahren. Hintergrund ist: Tierprodukte haben die Eigenheit, erstens, den Stoffwechsel mehr in Richtung Anabolismus (Aufbau) zu verschieben und zweitens, mehr in Richtung Fettverbrennung zugunsten einer unterdrückten Kohlenhydratverbrennung (macht Sinn im Kontext unserer Evolution, siehe oben).
Beides schwächt allerdings die Insulinwirkung ab, weswegen der Insulinspiegel unweigerlich ansteigen wird, sobald die glykämische Last der Ernährung steigt. Nehmen wir diesen «Druck» dadurch, dass wir Tierprodukte vom Speiseplan streichen, sinkt bei hoher Kohlenhydratzufuhr auch das Insulin und wir werden stoffwechselgesund. Aha!
Wenn Veganismus stoffwechselgesund, aber krank macht
Zu guter Letzt stellt sich die Frage, welche Lebensweise uns besser bekommt. Denn klar ist: Stoffwechselgesundheit ist das eine. Zu einer vollumfänglichen Gesundheit gehört aber ein bisschen mehr, beispielsweise ein fittes Immunsystem, eine gute Libido und ein gesundes, sprich antriebsreiches Gehirn. Dafür braucht es möglicherweise Stoffe, die man nur in Tierprodukten findet.
Hierfür sollte man verstehen, dass dies individueller nicht sein könnte. Genetisch betrachtet gab es für uns Europäer in den letzten Jahrtausenden Änderungen auf dem Speiseplan. Während wir über quasi 99,5 % unserer Entwicklungszeit Jäger und Sammler waren, setzten sich seit der landwirtschaftlichen Revolution, beginnend in Anatolien vor rund 10'000 Jahren, zunehmend Gene durch, die Anpassungen an eine pflanzliche Kost liefern.
Ackerbau und Landwirtschaft kamen mit einem Südwest-Nordost-Gefälle vor rund 7'000 bis 4'000 Jahren in Zentraleuropa an. Daher finden sich in modernen europäischen Populationen sowohl Jäger-und-Sammler-Gene als auch Gene von den «frühen Landwirten» – eine «Ur-Population» dieser Landwirte sind die Sarden, die wohl mit am besten an pflanzenbasierte Kostformen adaptiert sein dürften. [Quelle nicht mehr verfügbar]
Ob jemand also vegan leben kann oder sich doch besser für eine «Paleo-Ernährung» entscheiden sollte, liegt nicht so sehr an den jeweiligen (Gesundheits-)Zielen, sondern eher daran, ob er mit der entsprechenden Ernährungsform klarkommt. Denn Fakt ist, dass möglichst naturbelassene Nahrungsmittel (= ohne Zutatenliste) aus Stoffwechselsicht je nach Stoffwechseltyp nicht krankmachend sind.
Aber: Tierprodukte haben ein inhärentes Potential, im falschen Ernährungsetting Stoffwechselentgleisungen zu begünstigen. Triebfeder dafür sind allerdings die aus evolutiver Sicht «neuen» Pflanzen(-teile), in Form von hoher glykämischer Last und möglicherweise auch aufgrund der enthaltenen Antinährstoffe [Quelle nicht mehr verfügbar]. Genannt seien an dieser Stelle vor allem Gräser, also Getreide.
Ein abschliessendes Wort
Leider gelingt es den wenigsten Menschen, aus einer statischen Perspektive ein dynamisches Bild zu formen. Selbst jemand, der Tierprodukte isst, isst nicht jeden Tag ein Kilo Steak. Umgekehrt kann man sich pflanzenbasiert ernähren, und trotzdem geschickt mit Tierprodukten ergänzen. Wie auch immer man isst: Gesunde Ernährungsformen zeichnen sich dadurch aus, dass sie es uns leicht machen, weniger zu essen und dadurch ganz nebenbei die Kalorienzufuhr zu drosseln [Quelle nicht mehr verfügbar]. Drum ist auch Paleo manchmal einfach nur ein getreidefreier Veganismus, der mit Fleisch ergänzt wird ;-)