Macht Milch Multiple Sklerose?
Wahnsinn! Soeben erschien eine Arbeit von der Uni Bonn. Unser erstes Fazit: Die Forschung macht Fortschritte! Doch der Reihe nach...
Ist der Mensch adaptiert an Getreide und Milch? Schwierige Frage. Speziell mit Blick auf unser Europa gilt: Die Landwirtschaft gibt's hier erst seit rund 5000 Jahren. Heisst: Exzessiver Getreide- und Milchkonsum ist – evolutiv betrachtet – neu. Für viele Teile der Welt gilt, dass die Menschen gar keine Milch trinken können. Zur Erinnerung: Homo sapiens gibt es seit schätzungsweise 250'000 Jahren, die Gattung Homo seit ca. 2,5–3 Mio. Jahren. Wer Bruchrechnen beherrscht, kann sich ja ausrechnen, in welcher Relation dazu 5000 Jahre stehen. Jedenfalls empfehlen auch wir seit vielen, vielen Jahren den Ausschluss von Milch und Getreide als «Sofortmassnahme», wenn der Körper zwickt und/oder krank ist.
Lange Zeit wurde sowas von «seriöser Seite» aus belächelt. Kennen wir ja alles auch vom ominösen «Darmmikrobiom», dessen Bedeutung lange Zeit negiert wurde oder auch von «leaky gut», über das unsere kompetenten Ärzte in der Schweiz trotz vielfältiger Veröffentlichungen in Fachzeitschriften noch immer süffisant lächeln. Diese Liste, also quasi «Do it yourself-Themen» aus «alternativen Kreisen», könnte man beliebig fortsetzen. Doch man sollte immer daran denken, dass man sich seine Lebenswirklichkeit besser nicht von aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen beschneiden lässt. Denn die hinken oft genug Jahre oder Jahrzehnte hinterher. Doch nun zu [Quelle nicht mehr verfügbar].
MS-Patienten sollten Milch meiden
Forschende der Universität Bonn wollten herausfinden, warum Multiple-Sklerose-Betroffene häufig jammern, «dass es ihnen schlechter geht, wenn sie Milch, Quark oder Joghurt konsumieren», erklärte Stefanie Kürten vom Anatomischen Institut des Universitätsklinikums Bonn. Die haben Patienten also wirklich mal ernst genommen und Mäusen verschiedene Milchproteine injiziert. Beim Casein, dessen Wirkung man mit einem «Enhancer» noch ein bisschen erhöht hat, um Effekte klarer zu sehen, «entwickelten die Mäuse anschliessend neurologische Störungen. Die Elektronenmikroskopie zeigte eine Schädigung der Isolierschicht um die Nervenfasern des Myelins. Die fettähnliche Substanz verhindert Kurzschlüsse und beschleunigt zudem die Reizleitung erheblich.»
Unter anderem sind diese Strukturen auch bei MS betroffen, wo im kompletten ZNS Entzündungsherde an genau diesen Myelin-Ummantelungen der Nervenfasern auftauchen. Dabei reagieren eigene Antikörper gegen diese Körperstrukturen! Doch warum scheint sowas auch dann zu passieren, wenn man lediglich Casein injiziert? Die Forscher weisen auf ein uns lange bekanntes Phänomen hin: Eigentlich reagieren die Antikörper gegen das Casein – kann passieren. Leider sehen manche Proteine, die im ZNS lokalisiert sind, quasi genauso aus wie Casein. Die Antikörper binden daher auch an diese Strukturen und leiten eine Immunreaktion ein. Man spricht von Kreuzimmunität. Etwas, was man insbesondere vom Weizenprotein Gliadin sehr lange schon kennt. Hier jedoch sind Hunderte, wenn nicht Tausende Körperproteine betroffen, gegen die Antikörper reagieren, wenn erst mal Antikörper gegen Gliadin gebildet wurden.
Die Autoren schreiben: Eine solche Kreuzreaktivität kann auftreten, wenn sich zwei Moleküle zumindest in Teilen sehr ähnlich sind. Das Immunsystem verwechselt sie dann gewissermassen miteinander. «Wir haben Casein mit verschiedenen Molekülen verglichen, die für die Myelinproduktion wichtig sind», sagt Chunder. «Dabei sind wir auf ein Protein namens MAG gestossen. Es sieht dem Casein in mancher Hinsicht sehr ähnlich – so sehr, dass die Antikörper gegen Casein bei den Labortieren auch gegen MAG aktiv waren.» Die Forscher wollten natürlich schauen, ob sowas auch im Menschen passieren kann und fanden heraus, dass viele MS-Betroffene Antikörper gegen Casein aufweisen. Tja, und so kommt dann – ggf. vor dem Hintergrund genetischer Veranlagung – eins aufs andere.
Wichtig, die Autoren ergänzen: Diese Erkenntnisse bedeuten nicht, dass eine Überempfindlichkeit gegenüber Casein zwangsläufig zur Entwicklung von Multipler Sklerose führt. Dazu bedürfe es vermutlich weiterer Risikofaktoren. Dennoch sei dieser Zusammenhang besorgniserregend, sagt Kürten: «Studien deuten darauf hin, dass die MS-Raten in Bevölkerungsgruppen, in denen viel Kuhmilch konsumiert wird, erhöht sind.» Aha. Ob dieser Zusammenhang wirklich so lupenrein ist, wie hier dargestellt, wissen wir nicht. Was wir wissen ist, dass Getreide und Milch in manchen Individuen ggf. Probleme machen können – und wenn es nicht dazu führt, dass MS ausgelöst, sondern nur verstärkt wird.
Wieder einmal zeigt sich anhand dieser Studie:
Der Lebensstil ist der Schlüssel. Wir müssen das Thema ernst nehmen.
Und wir sollten immer daran denken, dass Wissenschaft vieles (noch) nicht weiss. Erfahrungswissen auf persönlicher Ebene ist daher der eigentliche Schlüssel. Das erkennen offensichtlich auch die Autoren der Studie, weshalb sie schreiben, dass «unsere Daten nahelegen, dass Patienten mit Antikörpern gegen Rinder-Casein von einer Ernährung mit wenigen Milchprodukten profitieren könnten.»
Der vorsichtige Disclaimer
Grosses Aber. Ich weiss, unsere Leser (viele) hassen das. Immer dieses «Aber». Milchprodukte hat der Mensch nicht einfach so oder per Zufall als neues Nahrungsmittel erschlossen. Milchprodukte sind ernährungsphysiologisch super wertvoll. Vor allem die fetteren, also echten Varianten enthalten beispielsweise grosse Mengen Vitamin K2 oder die konjugierte Linolsäure. Das sind Stoffe, von denen viele Menschen immens profitieren. Milchprodukte sind vielleicht unsere beste Calciumquelle (doch, doch), die zeitgleich noch die nötigen Kofaktoren (Proteine, K2, miRNA uva.) mitbringen, um Knochen stabil zu machen. Hinzu kommt, dass Milchprodukte eine herausragende Aminosäuren-, sprich Eiweiss-Quelle sind. Hier muss also jeder für sich selbst ausprobieren und zu eigenen Schlüssen kommen. So ist das eben.