2015 erschien eine Studie, bei der Forscher im Grunde genommen live „beobachteten", was EGCG – Hauptmolekül im Grüntee – im Muskel (von Versuchstieren) macht. Natürlich in vitro, das heisst nicht im lebenden Organismus. Und da haben die was Interessantes beobachtet: EGCG sorgte dafür, dass Foxo1, ein Protein, aus dem Zellkern verschwand.
Was ist daran besonders? Nun, Foxo1 ist Teil eines rhythmischen Systems der Zelle, wobei es immer dann den Zellkern verlässt, wenn Insulin oder Wachstumshormone (z. B. IGF1) ansteigen und auf die Zelle wirken. Insulin und IGF1 haben anabole Wirkung – Foxo1 wiederum katabole. Letzteres ist zwar wichtig, wenn man im Fastenzustand ist. Aber prinzipiell brauchen Zellen den anabolen Input via Insulin und IGF1.
In unserer modernen Welt ist es leider häufig so, dass viele Menschen aufgrund des Energieüberflusses Insulin-resistent werden. Insulin und IGF1, beide wirken über den Insulinrezeptor, wirken dann einfach nicht mehr gut. Die Folge sind chronische Entzündungen, kaputte Arterien, schrumpfende Muskeln, schrumpfende Knochen ... und so weiter. Drum sind Forscher bemüht, (Natur-)Stoffe zu finden, die das umkehren können.
Und so konnten Forscher 2015 also beobachten, dass auch EGCG Foxo1 aus dem Zellkern räumt, was darauf schliessen lässt, dass EGCG wie Insulin und IGF1 wirken könnte. Die haben in der gleichen Arbeit jedoch auch bewiesen, dass EGCG eben nicht an den Insulinrezeptor bindet ... sondern an irgendeinen anderen Rezeptor. Oh! Mysteriös.
Offenbar war den Forschern nicht bewusst, dass dieser ominöse Rezeptor schon 2004 beschrieben wurde. Denn EGCG kann – unglaublicherweise – wie ein Hormon wirken und Rezeptoren im Körper gezielt aktivieren. Und dieser Rezeptor heisst in der Kurzform 67LR – besser bekannt als: *67-kDa laminin receptor. *Dieser „evolutiv hochgradig konservierte" Rezeptor, ist uralt und in sehr vielen Tieren zu finden. Er spielt eine Rolle in einer Vielzahl an biologischen Prozessen.
Besonders Japaner scheinen Interesse daran zu haben, die Wirkung von EGCG über 67LR zu studieren. Und so zeigen zwei Studien aus Japan, aus demselben Labor, jeweils aus 2020 und 2022, sehr, sehr spannende Erkenntnisse. Die Forscher beschreiben, dass EGCG an diesen ominösen Rezeptor bindet, der in den Zellen dann folgendes macht:
- Er blockiert das Zellwachstum von Krebszellen. Denn in Krebszellen ist 67LR offenbar in hoher Menge vorhanden.
- Bei Aktivierung sorgt er für eine gesteigerte Bildung von NO – Stickstoffmonoxid, ein Gas, das unsere Gefässe weitstellt, sie schützt und im Immunsystem eine tragende Rolle spielt. Vielen besser bekannt in Form von Nitroglycerin beim Kardiologen oder Viagra – in beiden Fällen das gleiche Prinzip.
- Und es aktiviert Akt1, das wiederum Foxo1 ausknipst.
Akt1 ist die Schnittstelle. Denn auch der aktivierte Insulinrezeptor lässt Akt1 aktivieren und das wiederum sorgt dafür, dass Foxo1 aus dem Zellkern verschwindet. 2020 wurde in einer Studie dann genau das bestätigt: EGCG wirkt tatsächlich über *67LR *und damit Akt1 im Muskel, um den Proteinabbau – verursacht durch Foxo1-aktivierte Proteine – zu hemmen. Sensationell!
Neben dem Insulinrezeptor, aktiviert durch die beiden Hormone Insulin und IGF1, scheint es also noch einen dritten, potenten Weg zu geben, um Zielgene zu deaktivieren, die muskelerhaltend wirken. Nämlich 67LR, aktiviert durch EGCG. Unglaublich.
Doch das ist nicht alles. 67LR, der durch EGCG aktiviert ist, zeigt eine Vielzahl an positiven Effekten:
- Anti-Krebs
- Anti-Entzündung
- Antibakteriell
- Verbesserung der Insulinresistenz
- Anti-Muskelatrophie
- Anti-Bluthochdruck
- Herzschützend
- Neuroprotektiv
Und u. a. deshalb schneidet Grün- aber auch Schwarztee in so vielen Studien so positiv ab. Sie wirken über EGCG und damit über die 67LR-Aktivität schlicht sehr potent. Aus diesem Grund sollte jeder ab und an mal ein Tässchen Grün- oder Schwarztee trinken oder mal eine EGCG-Kapsel einwerfen. Es wird dem Körper guttun.
Ach ja, nochmal gut zuhören: Dieser 67LR-Rezeptor werde lt. den Autoren „stark hochreguliert durch Retinsäure" – da klingelt's bei einigen, nicht wahr? Retinsäure ist auch ein Hormon und entsteht im Körper aus Vitamin A. Drum scheinen Vitamin A und EGCG synergistisch zu wirken. Darf man auf dem Schirm haben.