Bevor du dich mit abnehmen quälst…
Viele, die davon mal betroffen waren, werden berichten, dass (starkes) Übergewicht eher eine Krankheit ist. Eine Art genetische Disposition. So, wie bei anderen auch. Das komplexe Thema auf «die Person isst einfach zu viel» runterzubrechen ist … eigentlich eine Unverschämtheit. Befremdlich erscheinen so genannte Experten, oft hagere 60-jährige Professoren-Verschnitte mit Brille, die mit ihrem Sprech Übergewichtige oft eher denunzieren. Nach dem Motto: «Ich selbst war zwar nie übergewichtig und habe daher auch keine Ahnung davon, aber ich habe in der Uni aufgepasst und weiss, dass man nur Kalorien zählen muss, um abzunehmen. So einfach!»
Wie dem auch sei. Bevor man sich zum Abnehmen quält, sollte man ein bisschen was über seinen Stoffwechsel wissen. Ansonsten wird die Strömung, gegen die man antritt, so stark, dass man nach ein paar Tagen allenfalls wieder damit aufhört. Ziel sollte es sein, eine biochemische Bergab-Fahrt als Basis zu haben, nicht das Gegenteil. Ja, du hast schon richtig gelesen. Man muss seinen Stoffwechsel allenfalls erst mal ein bisschen umprogrammieren, damit's vielleicht eher von alleine geht. Mal ein Beispiel.
Es gibt eine sehr grosse Fülle an Beweisen dafür, dass man mit viel Eisen in der Nahrung (bzw. im Körper) insulinresistent wird (mehr dazu auf genetisches-maximum.de). Es gibt umgekehrt genug Beweise, die nahelegen, dass relativ eisenarme Ernährungen (z. B. Vegetarismus, Veganismus) oder auch das künstliche Abführen von Eisen aus dem Körper das Gegenteil macht, nämlich empfindlich gegenüber Insulin. Wieso ist das wichtig? Weil Insulin ein anaboles Hormon ist. Wenn davon konstant zu viel im Blut rum schwimmt, «versteht» der Körper gar nicht, was gerade passiert. Ein Kampf gegen die eigenen Zellen, die ihren Stoffwechsel bei Diät ja umprogrammieren müssen, um besser damit klarzukommen.
Vielen ist das überhaupt nicht bekannt. Speziell vielen Männern. Die essen fröhlich täglich ihre Bratwurst und wundern sich dann. Testosteron sorgt zudem dafür, dass Männer weitaus besser Eisen aufnehmen als Frauen. Doch wieso diese Mail heute? Weil jetzt aktuell, also 2022, eine neue Arbeit erschienen ist, die eindrücklich darlegt, wie mächtig Eisen darüber bestimmt, wie dick wir werden können. Wir hatten darüber schon oft im Blog berichtet. Jetzt wieder einmal die Bestätigung. Halte dich fest: Da hat man jetzt Mäuse in einem Experiment gemästet, wie so oft. Der einen Gruppe hat man zusätzlich einen Eisen-Chelator verabreicht, also ein Mittel, das Eisen im Körper unbrauchbar macht und den Eisengehalt im Körper senkt. Resultat:
- Am Ende des Experiments wogen die «Wenig-Eisen»-Mäuse kaum mehr als die normalgeflütterten Mäuse ohne Mast. Unglaublich!
- Sie waren nur circa halb so schwer wie die Mast-Mäuse, die normal viel Eisen im Körper hatten.
- Die Wenig-Eisen-Mäuse hatten mehr als 50 % weniger Leptin im Blut, Stichwort Leptinresistenz
- Sie verbrauchten deutlich mehr Energie am Tag (= erhöhter Energieumsatz)
- Die so genannte metabolische Flexibilität, also der Wechsel von Kohlenhydrat- zu Fett-Oxidation und umgekehrt, war sehr viel besser als in der Mast-Gruppe
- Die Wenig-Eisen-Mäuse hatten deutlich mehr stoffwechselaktives, also gesundes braunes Fett
- Das Fettgewebe insgesamt war gesünder
Der Eisen-Chelator funktionierte sogar so gut, dass er sogar wirkte, wenn Fettleibigkeit schon induziert war, also auch dann, wenn man ihn schon bei ausgeprägtem Übergewicht verabreichte. Die Autoren schreiben zudem:
«Mäuse, die mit Deferasirox gefüttert wurden, frassen in keinem der Experimente weniger, auch nicht in der ersten Woche nach der Ernährungsumstellung, was darauf hindeutet, dass die Schmackhaftigkeit nicht beeinträchtigt wurde. Im späteren Teil der Studien fressen die mit Eisenchelatoren gefütterten Mäuse tendenziell mehr, behalten aber ihr geringeres Gewicht bei.»
Beeindruckend, nicht wahr? Ob das auch beim Menschen so funktioniert, sei unklar. Aber: Es gebe «starke epidemiologische Zusammenhänge zwischen der Eisenzufuhr, insbesondere der Häm-Eisenzufuhr (Anm.: Eisen aus Fleisch) und dem Risiko von Fettleibigkeit und Diabetes». Die Autoren kommen zum Schluss, dass «die Senkung des Eisengehalts auf einen niedrigen Normalwert jedoch eine potenzielle therapeutische Strategie zur Behandlung von Fettleibigkeit und damit zusammenhängenden Stoffwechselstörungen ist».
Zwei Dinge muss man abschliessend dazu sagen:
- Wir sollten den Eisengehalt des Körpers als Art Stellschraube sehen, an der man drehen kann und allenfalls muss. Es geht nicht darum, Eisen aus dem Körper zu entfernen.
- Es gibt Personengruppen, zum Beispiel Frauen im reproduktiven Alter, die sehr anfällig auf Eisenrestriktion reagieren, die im Gegenteil eher sehr viel mehr Eisen in der Nahrung brauchen. Es profitiert also nicht jeder von der Sachlage hier.
Es geht nur darum, zu verstehen, dass noch andere Dinge zählen ausser Kalorienzählen. Das hier war ein (mächtiges) Beispiel, das du auf dem Schirm haben solltest. Man könnte es auch so ausdrücken: Bevor du abnehmen möchtest, lieber mal zur Blutspende gehen. Oder die Diät ohne rotes Fleisch gestalten – alte Bodybuilder-Weisheit: Beim Aufbau Rind (viel Eisen), in der Diät Pute (wenig Eisen). Manchmal weiss man halt Bescheid, ohne Bescheid zu wissen ;-) Das könnte unerwartet und überraschend gut helfen.