
Longevity
Ab in die Kälte!
Eisbaden liegt im Trend – doch musst du wirklich in die Eistonne springen? Erfahre, wie Kälte deinen Stoffwechsel optimiert und welche einfachen Alltagsmassnahmen bereits ausreichen.

Longevity
Eisbaden liegt im Trend – doch musst du wirklich in die Eistonne springen? Erfahre, wie Kälte deinen Stoffwechsel optimiert und welche einfachen Alltagsmassnahmen bereits ausreichen.
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Eisbaden liegt gerade sehr im Trend. Die sozialen Medien sind voller Beiträge, in denen sich Menschen auf ihrem Balkon oder im Garten in eine Tonne voller Eiswasser setzen. Wohlgemerkt: Manche übertreiben es, wie so oft.
Viele kennen den Vorreiter Wim Hof und seine spektakulären Aktionen, wie beispielsweise in Shorts und Sandalen bei -20 °C einen Marathon nördlich des Polarkreises zu laufen.
Doch warum tun die Leute sowas? Und viel wichtiger: Solltest du das auch tun? Doch lass' uns zuerst mit den Basics starten.
Der Begriff kalte Thermogenese (engl. Cold Thermogenesis) beschreibt die Wärmeerzeugung im Körper durch einen Kältereiz. Entscheidend: Diese Form der Wärmeerzeugung findet im braunen Fettgewebe statt, einem Fettspeicher, der sich besonders im Schulter-Nackenbereich befindet.
Durch die Oxidation von Fett wird hier Wärme erzeugt und mithilfe des Blutes als Leitflüssigkeit in den Körper transportiert. Das braune Fettgewebe ist besonders, denn es stammt von den gleichen Vorläuferzellen ab wie auch unsere Skelettmuskulatur und hat daher auch ähnliche Stoffwechseleigenschaften. Es enthält mehr Mitochondrien als weisses Fettgewebe und verbrennt daher mehr Fett und auch Kohlenhydrate.
Babys haben noch sehr viel braunes Fettgewebe, um sich vor dem Auskühlen zu schützen. Im Laufe des Lebens nimmt der Anteil jedoch stark ab, und die meisten Erwachsenen futtern sich einen grossen Energiespeicher in Form von weissem Fettgewebe an. Weisses Fettgewebe ist leider viel weniger stoffwechselaktiv und dient vor allem der Fettspeicherung.
Doch es gibt noch eine dritte Form, das sogenannte beige Fett, das eine Art Mischform darstellt und bei Kälteexposition aus weissem Schwabbel – z. B. unter der Haut – hervorgehen kann. Es programmiert sich schlicht um. Sensationell!
Entwicklungstechnisch stammt es also zwar vom weissen Fettgewebe ab, verhält sich aber mehr wie braunes, stoffwechselaktives. Das beige Aussehen bekommt es nämlich durch einen erhöhten Gehalt an Mitochondrien. Kurzum:
Mehr Mitochondrien = aktiverer, gesünderer Stoffwechsel.
Studien zeigen, dass ein Fettgewebe umso gesünder ist, je «beiger» es wird. Entsprechend zeigt sich, dass ein Organismus aus Sicht des Energiestoffwechsels umso gesünder ist, je mehr beiges bzw. braunes Fettgewebe wir haben.¹
Wir haben jetzt also zwei Möglichkeiten: Weisses, inaktives Fettgewebe in beiges umzuwandeln. Und unser braunes Fettgewebe, das wir vorrangig im Schulter-Nackenbereich finden, aus dem Tiefschlaf zu holen. Wie geht das?
Dafür hat die Forschung ein rezeptfreies Rezept ;-) für uns:
Sport und Kälte
Sowohl Sport als auch Kälte erhöhen nämlich das «gutes Stresshormon» Noradrenalin, was sowohl ein Hormon als auch ein Neurotransmitter ist und dafür sorgt, dass bestimmte Signalwege aktiviert werden, die die Bildung von neuen Mitochondrien anregen.
edubily-Kenner wissen hier längst Bescheid: Noradrenalin aktiviert nämlich den Energiestoffwechsel in allen Zellen. Unter der Haut – also im weissen Fettgewebe – als auch im braunen Fettgewebe ist Noradrenalin sowas wie der «Anschalter» der Thermogenese.
Äm ja, «Nachhilfe» an der Stelle schaffen auch Nikotin und Koffein, zwei beliebte psychoaktive Substanzen, die genau deshalb – also via Noradrenalin – das Fettgewebe und den Stoffwechsel gesünder halten… Doch zurück:
Nein. Keine Sorge, um dein Fettgewebe stoffwechselaktiver zu machen, musst du dich nicht jeden Morgen ins Eisbad quälen. Es reichen schon weitaus geringere Kältereize. Wir haben ein paar Alltagsbeispiele für dich, wie du die Cold Thermogenesis aktivieren kannst.
Eine Studie konnte zeigen, dass bereits nach einem Monat bei einer Schlaftemperatur von 19 °C die Menge an braunem Fettgewebe signifikant zugenommen hat. Nachdem die Probanden im Folgemonat bei 24 °C geschlafen hatten, ging der Anteil an braunem Fett deutlich zurück. Nach einem weiteren Monat bei 27 °C war kaum mehr braunes Fettgewebe vorhanden.²
Fun Fact: In skandinavischen Ländern ist es schon lange Tradition, Babys zum Schlafen nach draussen zu bringen. Das soll den Schlaf und das Immunsystem der Babys stärken. Dick eingepackt schlummern die Kleinen dann auf dem Balkon bei Minusgraden, während die Eltern im kuscheligen Wohnzimmer vor dem Kamin sitzen.
Zieh dir das nächste Mal statt dem Daunenmantel einfach einen Hoodie an, wenn du nach draussen gehst. Du wirst sehen, dass du dich nach ein paar Spaziergängen bereits sehr gut an die Kälte angepasst hast. Der Vorteil beim Spaziergehen ist nämlich auch, dass dein Körper durch die Bewegung ohnehin etwas Wärme freisetzt und du daher nicht auskühlen wirst.
Es muss nicht gleich der ganze Körper sein. Um die Thermogenese zu aktivieren, reicht es schon aus, einzelne Körperteile z. B. mit kaltem Wasser zu begießen. So kannst du dich langsam an kalte Duschen oder kalte Bäder herantasten. Du wirst sehen, dass du mit der Zeit immer ungestresster mit mehr Kälte klarkommst – so gut, dass du dich irgendwann mehr oder weniger ohne Probleme unter eine kalte Dusche stellen kannst.
Es kann kaum einfacher und nachvollziehbarer werden, den Energiestoffwechsel quasi auf Knopfdruck gesünder zu machen. By the way: Die Suche nach solch einfachen Möglichkeiten, den Energiestoffwechsel schnell gesünder zu machen – bitte in Pillenform gefällig! – verschlingt in der Forschung Unsummen!
Du kannst es jetzt sofort tun. Quasi kostenlos. Einfach, indem du in Kontakt mit der (kalten) Natur kommst und ein bisschen positiven Stress (Noradrenalin) fühlst. Den Rest erledigt dein Körper für dich.
Du weisst also jetzt, warum Kälte so gesund für uns ist. Und vor allem weisst du, wie du sie am besten nutzen kannst. Wir wünschen dir viel Spass beim Frieren! ;)
(1) Michalk, C. Cold Thermogenesis im Jahr 2018: Brandneue Erkenntnisse. Link: https://genetisches-maximum.de/kontroverses/cold-thermogenesis-im-jahr-2018-brandneue-erkenntnisse/ (2018).
(2) Lee, P. et al. Temperature-Acclimated Brown Adipose Tissue Modulates Insulin Sensitivity in Humans. Diabetes 63, 3686–3698 (2014).