
Zuckerersatz
RIP Erythrit ... oder?
Eine virale Studie über Erythrit und Herzinfarkte macht Schlagzeilen: Ist dieser beliebte Zuckerersatz wirklich so gefährlich? Ein kritischer Blick auf die wissenschaftlichen Daten.

Zuckerersatz
Eine virale Studie über Erythrit und Herzinfarkte macht Schlagzeilen: Ist dieser beliebte Zuckerersatz wirklich so gefährlich? Ein kritischer Blick auf die wissenschaftlichen Daten.
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In unserer Gesellschaft gibt es das seltsame Phänomen, Dinge, die Menschen Hoffnungen und Zuversicht geben, schnellstmöglich zu begraben, während man Dinge, die Ängste hervorrufen oder verunsichern, immer besonders prominent in den Fokus der Menschen rückt.
Dies gilt speziell im Bereich Lebensstil und Prävention. Die Coronapolitik der vergangenen Jahre war gleichermassen ein ausgezeichnetes Beispiel dafür. Grundsätzlich angenommen wurde immer der Worst case. Studien, die besonders schlimme Headlines erzeugten, wurden besonders häufig geteilt, fanden besonders häufig und intensiv Beachtung.
Das lässt sich sicher mit der Hirnchemie des Menschen erklären und damit verbunden auch die Funktionsweise heutiger Medien, die darauf aus sind, die maximal mögliche Zahl an Klicks zu generieren. Aber wollen wir so leben? Wer sich nur auf die Schattenseiten fokussiert, wird irgendwann gar nicht nachvollziehen oder überhaupt verstehen können, dass es auch eine Sonnenseite gibt.
Die gute Nachricht ist: Wir Menschen sind prinzipiell nicht geboren, um krank zu sein. Die meisten Erkrankungen, die uns modernen Menschen begegnen, sind hausgemacht – was umgekehrt bedeutet, dass wir sie nicht bekommen müssen, wenn wir uns ein bisschen Mühe mit dem Lebensstil geben.
Mittlerweile gelten sogar so vormals «ungreifbare» Erkrankungen wie Depressionen als Stoffwechselerkrankungen des Gehirns. Das heisst nicht, dass Psychotherapie nicht wirkt oder nicht wichtig wäre – das heisst aber, dass Menschen einen unglaublich mächtigen, neuen Schlüssel in die Hand bekommen, der völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Lebensstilmedizin. Von manchen noch immer belächelt, in der Wissenschaft aber dominanter vertreten.
Ganz aktuell lesen wir wieder von einer Erythrit-Studie [Quelle nicht mehr verfügbar]. Erythrit, ein Zuckeralkohol, also ein Zuckerersatz, den die meisten von uns höchstens mal in Form eines damit gesüssten Eiweissriegels kennen. Oder in Form von Kaugummis. In der Studie wird Erythrit mit s. g. MACE (Major adverse cardiac events) – Herzinfarkte, Schlaganfälle und Co. – in Verbindung gebracht. Anhand von 4'000 Probanden zeigen die Forscher, dass der höchste Erythritspiegel mit einem 2–5-fach erhöhten Risiko für Herzkreislauf-Ereignisse verbunden ist.
Untermauert werden die Daten von den Forschern mit einigen weiteren Versuchsreihen, die z. B. zeigen, dass Erythrit die Thrombozyten-Aktivität steigert (= Blutzellen, die Thrombosen erzeugen). Abschliessend dürfen acht Probanden 30 g Erythrit «auf ex» trinken und es werden Blutspiegel erzeugt, die 1'000-fach erhöht sind bzw. noch am Tag danach 100-fach über jenen Werten liegen, die die Thrombozyten-Aktivität steigern sollten.
Klingt einleuchtend, nicht wahr? Drum lässt kein Medium die entsprechende Schlagzeile aus, die natürlich negativer, grausiger nicht ausfallen kann. Tenor: Erythrit macht Herzinfarkte.
Schaut man sich die Daten der Studie genau an, suggerieren sie, dass bereits ein Eiweissriegel mit 5 g Erythrit pro Tag in vorerkrankten Menschen das Risiko für einen Herzinfarkt um den Faktor 2–5 erhöhen könnte. Das spielt dann also in einer Liga mit jahrelangem Rauchen. Ergibt das Sinn? Natürlich nicht. Jeder, der noch einigermaassen klar ist zwischen den Ohren, wird das als grobe Fehlinterpretation wahrnehmen.
Wir haben uns die Studie gekauft und einmal nachgesehen [Quelle nicht mehr verfügbar], ob die Schlagzeilen der Medien gerechtfertigt sind. Spoiler-Alarm: Erythrit, das man als Süssmittel zuführt, hat sehr sicher weder etwas mit den in der Studie gemessenen Erythritwerten zu tun, noch mit den beobachteten Ereignissen. Und trotzdem wissen wir schon jetzt: Erythritol hat fertig. Der vormals unbescholtene Zuckerersatzstoff wurde gecancelt und wird sich von der überbordend-negativen Berichterstattung – auf Basis von einer Studie – nicht mehr erholen.
Angst sei Dank!