Wichtig für dich: Insulinresistenz verstehen
Insulinsensitivität kennen wir, aber auch Insulinresistenz. Das Gegenteil davon ist die Insulinwirkung, sprich Insulinsensitivität. Insulin ist vielleicht unser wichtigstes Hormon. Es ist – anders als häufig propagiert – kein «Speicherhormon», das nur fett und krank macht. Im Gegenteil. Insulin und das sogenannte «Insulin-Signaling» der Zellen wirken normalerweise wie Balsam für die Zellen. Es dient dem Aufbau und Erhalt von Strukturen, Insulin wirkt anti-entzündlich und funktionserhaltend. Heisst:
- Wirkt Insulin im Gehirn nicht mehr, wird man deppert,
- Wirkt es im Muskel nicht mehr, schrumpft er und wird leistungsschwach.
- Wirkt es in den Gefässen nicht mehr, gibt's Arteriosklerose und endotheliale Dysfunktion mit weitreichenden Konsequenzen.
So weit, so gut. Es gibt prinzipiell zwei Gründe, warum Insulin nicht mehr gut wirkt. Der eine Grund ist der, warum es so etwas wie Low-carb-Ernährung gibt: Überfrachtet man Zellen konstant mit einem Insulinüberschuss, machen diese dicht und haben keinen Bock mehr auf zu viel Insulin. Daher die Idee: Einfach das aus der Ernährung streichen, was normalerweise einen Insulin-Ausstoß hervorruft, nämlich Kohlenhydrate.
Logik-Lücke bei diesem Vorgehen ist, dass a) ein Kohlenhydrat-Konsum normalerweise dafür sorgt, dass man Kohlenhydrate mit der Zeit immer besser verarbeitet und damit viel weniger Insulin gebraucht wird, und b), dass es die gesündesten Naturvölker überhaupt gibt, die ein weitaus niedrigeres Insulin haben und eine weitaus bessere Stoffwechselgesundheit haben als wir, und hauptsächlich Kohlenhydrate essen. Gut, jetzt kann man sich über Weizenmehl, über raffinierte Kohlenhydrate etc. streiten, aber Fakt ist nun mal, dass eine gute Insulinwirkung nicht zwangsläufig etwas mit dem Kohlenhydrat-Konsum zu tun hat. Im Gegenteil.
Was viele mal so gar nicht auf dem Schirm haben ist, dass der Defekt der Insulinwirkung, sprich die Insulinresistenz, nicht nur via «top down», sprich durch einen Kohlenhydratmissbrauch zustande kommen kann, sondern auch «bottom up». Sprich die Zelle macht aus welchen Gründen auch immer nicht das, was sie soll, also z. B. Energie verheizen – als Folge macht sie dicht und hemmt die Insulinwirkung. Dadurch entsteht quasi schleichend und ohne unser bewusstes Zutun Insulinresistenz. In diesem Fall bringt dann auch die beste Low-carb-Ernährung nix mehr.
Wir sind oft auf dieses Thema eingegangen, im Blog, in unseren Büchern, überall. Und trotzdem wird es nach wie vor, aus unerklärlichen Gründen, einfach nicht verstanden. Mal ein paar Beispiele:
- Es wurde gezeigt, dass der Ferritin-, sprich Eisengehalt im Körper gegenläufig mit der Insulinwirkung korreliert. Klingt kompliziert, ist einfach zu verstehen: Senkt man den Eisengehalt im Körper, verbessert sich die Insulinwirkung dramatisch. Das ist eine bewiesene Tatsache und ein einfacher biochemischer Zusammenhang, wie man ihn nur selten erlebt. Vegetarier haben durchweg die bessere Insulinwirkung – und weniger Eisen im Körper. Senkt man deinen und meinen Ferritinwert auf Vegetarier-Niveau, haben wir die gleiche gute Insulinwirkung. Zack! Warum Eisen so negativ wirkt ist Gegenstand aktueller Forschung. Mehr dazu im Blog.
- Es wird immer wieder gezeigt, dass Fettsäuren extrem potent die Insulinwirkung lahmlegen. Auch das ist ein sehr einfacher Zusammenhang. Lass die Körperfettmasse schrumpfen und du hast eine bessere Insulinwirkung. Warum? Weil Fettsäuren in der Zelle die Insulinwirkung direkt abschalten und um die Verbrennung mit Kohlenhydraten konkurrieren. Der Fettspeicher an unserem Körper ist oft grenzenlos, und entsprechend hoch sind die Fettsäurenwerte im Blut – Folge: schwache Insulinwirkung. Einfache Abhilfe ist, Fettmasse zu verlieren. Glücklicherweise gibt es auch «gesundes» Fett, häufig Subkutan-, also Unterhautfett, das nicht so viele Fettsäuren ausspuckt und die Insulinwirkung nicht so stark verschlechtert, häufiger bei Frauen zu finden.
- Ein ganz anderes Thema, was quasi niemand auf dem Schirm hat: Schwermetalle und andere Umweltgifte. Ein Problem heutzutage. Schwermetalle blockieren Enzyme im Energiestoffwechsel und hemmen unter anderem dadurch die Insulinwirkung. Hinzu kommen sogenannte «persistente organische Schadstoffe» wie PCB, Dioxine oder DDT. Wir sind einer unfassbar extremen Fülle an Chemikalien ausgesetzt, die ja sogar Tiere in Gewässern unfruchtbar machen und Malformationen erzeugen. Daran denkt keiner...
... und schon gar nicht, wenn es darum geht, Organismen aus dem Meer zu verzehren. Meeresfrüchte sind häufig wahrliche Dreckschleudern, vollgepumpt mit all jenen Substanzen, die wir ins Meer leiten. Wer Fisch regelmässig konsumiert, wird sich unweigerlich einer grossen Fülle an Schadstoffen aussetzen. Schon 2011 wurde in einer wichtigen Arbeit gezeigt, dass Lachs aus Kulturen, der persistente organische Schadstoffe enthält, Insulinresistenz erzeugt und Fettleibigkeit in einem Tiermodell hervorruft. Will man sowas essen?
Erst vor einigen Jahren erschien eine Arbeit, die zeigte, dass «die Bevölkerung von 38 Prozent der 175 analysierten Länder zwischen 2001 und 2011 wöchentlichen Methylquecksilberdosen ausgesetzt war, die weit über dem für die fötale Entwicklung sicheren Höchstwert lagen». Warum? Weil Schwermetalle, in diesem Beispiel das hochgiftige organische Methylquecksilber, in den Ozeanen dieser Welt seit vielen Jahrzehnten massiv ansteigen. So, wie man das für quasi alle weiteren Umweltgifte annehmen kann.
Soll heissen: Eine gute Insulinwirkung, ein normal funktionierender Energiestoffwechsel, hängt von vielen Faktoren ab. In unserer westlichen Welt aber ganz häufig von Faktoren, die wir gar nicht auf dem Schirm haben. Wir essen und leben uns schleichend krank – und glauben dann, durch einfache Kohlenhydratrestriktion würde es wieder besser werden. Einfachster Zugang: Einfach mal für ein paar Wochen den Fisch vom Speiseplan streichen und schauen, was passiert. Pflanzliche oder vegane Ernährungsformen sind sicher auch deshalb so erfolgreich bzw. wertvoll, weil sie genau das vom Speiseplan nehmen, was die Insulinwirkung oft verschlechtert. Rotes Fleisch (= viel Eisen), Fisch (s. o.), auch Eier (oft sehr hohe Dioxin-Werte immer noch!) und anderes. Man sollte darüber hinaus nicht vergessen, dass sich Schwermetalle und Umweltgifte besonders gerne in tierischen Organismen anreichern und dort oft in einer besonders bioverfügbaren Form vorliegen.
Das heisst zwar nicht, dass man keine tierischen Produkte essen soll. Nein, die sind ernährungsphysiologisch ja auch extrem wertvoll und unersetzbar. Aber man sollte sich überlegen, ob es eine gute Idee ist, Low carb zu leben und dann jede Woche ein Kilo Lachs zu essen, täglich fünf Eier oder 300 g Rind. Sowas kann der Insulinwirkung sehr schnell sehr abträglich werden. Und dann wundert man sich.
So schliesst sich der Kreis. Fürs neue Jahr nehmen wir uns vor, eine gute Insulinwirkung zu bekommen.