
Nährstoffe
Exosomen: Der X-Faktor in Milch
Exosomen sind winzige Fettkügelchen in der Milch, die RNA und Wachstumsfaktoren transportieren und möglicherweise der lange gesuchte X-Faktor sind, der Milch ihre besondere Wirkung auf Muskelwachstum gibt.

Nährstoffe
Exosomen sind winzige Fettkügelchen in der Milch, die RNA und Wachstumsfaktoren transportieren und möglicherweise der lange gesuchte X-Faktor sind, der Milch ihre besondere Wirkung auf Muskelwachstum gibt.
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«X-Faktor: das Unfassbare.
Wir leben in einer Welt, in der Traum und Wirklichkeit nah beieinander liegen. In der Tatsachen oft wie Phantasiegebilde scheinen, die wir uns nicht erklären können. Ihr Jonathan Frakes.»
Wer kennt dieses Intro der altbekannten TV-Serie aus den USA nicht? Hier geht es um das Geheimnisvolle. Um den Faktor x, die unbekannte Variable, die auf mysteriöse Weise unser Leben beeinflusst.
Die Milch hat seit jeher etwas Geheimnisvolles, etwas, was wir (noch) nicht beschreiben konnten.
Mal ein Beispiel: 2004 hatten Forscher [Quelle nicht mehr verfügbar] mit 24 achtjährigen Jungs durchgeführt, die eine Woche lang entweder 1,5 L fettarme Milch oder die äquivalente Menge Protein aus Fleisch täglich zuführen sollten. Resultat: Nur in der Milchgruppe stieg das Wachstumshormon IGF im Serum an.
Seltsam, nicht wahr? Natürlich enthält Milch vielleicht ein paar Kalorien mehr als ein mageres Steak. Aber das erklärt nicht den sprunghaften Anstieg des Wachstumshormons im Blut bei den Kindern, denn der Eiweissgehalt war gleich.
Offenbar erstaunt über die Ergebnisse, wurde [Quelle nicht mehr verfügbar] der Daten durchgeführt, deren Ergebnisse im Folgejahr publiziert wurden. Resultat: Die Insulinwerte in der Milchgruppe verdoppelten sich! Und damit zeitgleich die Insulinresistenz.
Wohlgemerkt, auch hier wieder: In der Fleischgruppe passiert ... nüscht.
Schon Jahre zuvor wurde in der Literatur eine Diskrepanz zwischen dem glykämischen Index und dem Insulinämie-Index bei Milch festgestellt. Heisst, der Insulinanstieg fällt in Relation zur geführten Kohlenhydratmenge bei Milch deutlich stärker aus. In diesem Zusammenhang wurde von «insulinotropher Wirkung» und einer «noch nicht identifizierten Komponente in der Milch» gesprochen. X-Faktor.
Seitdem wird in jeder epidemiologischen Studie, die einen Zusammenhang zwischen Milch und irgendeinem gesundheitlichen Ereignis (z. B. Krebs) findet, genau das als Begründung herangezogen: Die Milch stimuliert einfach zu viel Insulin und Wachstumshormon, was als Folge das Tumorwachstum anheizt.
Erst vor knapp einem Jahrzehnt musste die Fachwelt schlucken. Da kam ein deutscher Forscher namens Bodo Melnik, Uni Osnabrück, daher, der auf einmal einen ganz anderen Player ins Spiel brachte: Die Exosomen.
Exosome sind kleinste Fettkügelchen, die von einer Membran umhüllt sind und z. B. mRNA, miRNA und Wachstumsfaktoren verdauungsresistent und hoch bioverfügbar transportieren. Die kommen in der Milch reichlich vor und sollen im Nachwuchs Genregulation machen – so macht die Natur also Informationsübertragung und Nestschutz via Muttermilch. Übrigens auch bei Menschen.
Melnik bezeichnete Milch in seiner [Quelle nicht mehr verfügbar] als «ein genetisches Transfektionssystem, das die mTORC1-Signalübertragung für das postnatale Wachstum aktiviert». Transfektion ist uns seit der mRNA-Impfung bekannt: Das Wort beschreibt das Einbringen von RNA oder DNA in Zielzellen bzw. Zielorganismen, wo sie wirken.
Die Milchexosomen machen genau das: Milch schickt via Exosomen z. B. RNA in den Körper des Milchtrinkers, im Idealfall das Kalb oder das Menschenkind. Und dort aktiviert es, so Melnik, mTOR – der ultmative Wachstumsschalter in unseren Zellen. Ziel: Katabolie (Abbau) verhindern, Aufbau vorantreiben. Logisch.
Die transportierten Stoffe sorgen in verschiedenen Geweben durch raffinierte Mechanismen dafür, dass der Körper am Ende des Tages anaboler bzw. anti-kataboler wird. Und das geht auch einher mit einer gesteigerten Insulinsekretion bzw. einem gedrosselten Insulin-Abbau, so, dass mehr Insulin im Blut und der Körper dadurch anaboler bleibt.
Die Milch ist damit vielleicht die urälteste und modernste «Gentechnologie», die es gibt. Die Pubmed-Statistik zeigt, dass sowohl die Forschung um Exosomen im Allgemeinen als auch die Forschung um Milchexosomen im Speziellen seit knapp zehn Jahren exponentiell zunehmen – eine extrem rasante Entwicklung des Forschungsgebiets.
Am X-Faktor ist was dran.
Auf den X-Faktor in der Milch [Quelle nicht mehr verfügbar], als sie mit Hilfe von in-vitro-Versuchen herausfinden wollten, warum Whey-Protein – also der Molkebestandteil der Milch – einen bekanntermaßen so günstigen Einfluss auf das Muskelwachstum hat. Die zeigten nämlich, dass weder der hohe Leucin-Anteil im Whey noch der hohe Anteil am für den Muskelaufbau nötigen essentiellen Aminosäuren erklären konnte, warum Whey so gut wirkt.
Da kamen ihnen ... genau ... die Arbeiten von Melnik und Co. über Milchexosomen in den Sinn. Als Folge haben die aus dem Whey einfach die Exosomen isoliert und damit die Muskeln im Reagenzglas «beträufelt». Resultat: «Aus Molkenprotein gewonnene Exosomen steigern die Proteinsynthese und Hypertrophie in Mausmuskelzellen».
Milchexosomen mitsamt Inhalt scheinen also einen wachstumsstimulierenden Einfluss auf Muskelzellen zu haben. Exosomen sind also der Zauber bei der Milch. Allerdings werden jetzt die Diskussionen darüber folgen, ob man das «genetische Transfektionssystem», das Milch und -produkte offenbar sind, auch für jeden Erwachsenen bzw. für jeden gesundheitlichen Kontext so toll ist.
Erst 2021 wurde eine Arbeit veröffentlicht, in der Forscher die Wirkung von Milchexosomen auf einen Tumor untersuchten. Mit spannenden Erkenntnissen. Die besprechen wir [Quelle nicht mehr verfügbar].